Niko Ewers zu den "Stadtansichten"
  Fernab von aller Gefälligkeit und Schönfärberei, auf die man in gängigen Fotobänden über Bielefeld immer wieder stößt, ist eine Fotografin seit langem unterwegs, ihrer Heimatstadt den Spiegel vorzuhalten. Kein Spiegel allerdings ihrer Hässlichkeit, kein Spiegel der Schattenseiten, die jede Stadt nun einmal hat. Ulla Brockmeyer will mit Ihren "Stadtansichten" nicht anklagen oder denunzieren, will nicht vorwurfsvoll sein, nicht mal Betroffenheit erzeugen in sozialkritischer Intention. Ihr Spiegel zeigt vielmehr das Alltägliche, Gewöhnliche, Unauffällige: auf dass es auffällig werde.
 
Es ist das Ergebnis einer fotografischen Entwicklung, seitdem Ulla Brockmeyer Ihr Studium der Fotografie an der Fachhochschule begann. Seit bald 20 Jahren fotografiert sie - gewiss, nicht nur, aber auch - dieses Bielefeld, der gegenüber sie niemals eine Abneigung verspürt hat, wiewohl bis heute in einer gewissen Distanz. Es ist ja auch schwer, Bielefeld zu lieben - nicht zuletzt, weil eine emphatische Zuneigung meistens den Blick verstellt oder gar blind macht. So erklärt sich jener eigentümliche Blick, der ihre "Stadtansichten" prägt: vielfach vertraute Motive, die durch besondere Perspektiven doch etwas verstören; häufig auf scheinbar Nebensächliches fixiert oder auf Details, die gewöhnlich übersehen werden; bisweilen geradezu intim wirkend, aber wie leer und mitunter seelenlos; gelegentlich mit überaschenden Pointen durch zufällige Koinzidenzen zusammenhangloser Elemente. Ansichten und Momente, die gleichsam festgehalten werden, statt sie ihrem Schicksal der chronischen Nichtbeachtung oder des Hinwegsehens zu überlassen. Bilder voller kleiner Deja Vu's also.
 
Zweierlei fällt dabei auf: Brockmeyers "Stadtansichten" stammen alle aus dem öffentlichen Raum, nicht aus Hinterhöfen und irgendwelchen Privatsphären der Stadt. Und: Menschen oder Passanten tauchen hier kaum auf. Eine bewußte Setzung der Fotografin - zumal mit dem Vorteil: die gebaute Stadt als Fotothema ist ja geduldig, kann sich nicht in Pose stellen, nicht vorgaukeln, was sie nicht ist, kann sich nicht einmischen noch sich wehren. Dies ermöglicht, sich Zeit zu nehmen und allein auf ihren Instinkt zu vertrauen, unterschiedliche Perspektiven auszuprobieren, ehe sie zufrieden ist. Die Wahl der Motive stammt dabei aus zufälliger Begegnung: Fundstücke von ausgiebigen Streifzügen der passionierten Spaziergängerin Ulla Brockmeyer.
 
So fernab von den Besonderheiten oder gar Sehenswürdigkeiten von Bielefeld gewinnen ihre "Stadtansichten" etwas Allgemeingültiges. Sie spiegeln aus distanzierter ernüchternder Warte, was durchschnittliche Städte wie Bielefeld nunmal bieten bzw. nicht bieten. Und dies verstärkt sich durch das klassische Schwarz-Weiß, das zuweilen eine gewisse Melancholie über ihre Bilder legt. Ein Charakter, den Brockmeyer lange Zeit gepflegt und ausgefeilt hat. Inzwischen aber spürt sie die Veränderungen in sich. "Ich beginne langsam, mit Farbe mich anzufreunden. Es wäre jedenfalls für mich ein 'Experiment' wert."
 

Niko Ewers